Laudatio anlässlich meiner letzten Ausstellung

geschrieben und gesprochen von Verena Ränker

 

„Die Kunst entsteht im Auge des Betrachters!" Als der berühmte Maler Picasso eben diesen Satz aussprach, war diese Erkenntnis in der Kunsttheorie längst keine Neuheit mehr, aber Picasso hat ihr zu populärem Leben verholfen, sie zu einer Wahrheit der Moderne werden lassen: „Die Kunst entsteht im Auge des Betrachters."

Künstlerisches Schaffen braucht also die Öffentlichkeit, und also muss der Kunstschaffende raus aus der engen Kammer. Das gilt auch für das Werk der Auerbacher Künstlerin Doris Guth-Klein, deren Bilder hier und heute erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden. Was im heimischen Atelier unterhalb des Auerbacher Schlosses geschaffen wird, hat es verdient, von anderen betrachtet zu werden. Welchen Genuss das bereitet und zu welchem Nachdenken es anregt, können Sie selbst am besten empfinden.

Doris Guth-Klein, am 21. September 1955 in Heppenheim geboren, hat schon sehr früh eine intensive Liebe zu Farben und zur Farbharmonie entwickelt. Doch erst 1987 hatte die heute in Auerbach lebende Geschäftsfrau den Mut, sich in verschiedenen Collagen künstlerisch auszudrücken. Unter Verwendung von Naturmaterialien komponierte sie Farben miteinander zu künstlerischen Objekten auf Seide, Papier, Karton oder Leinwand. So setzte sie erste Akzente und erlebte Kunst als eine spirituelle Angelegenheit – Sinnlichkeit durch Material und Farbe standen und stehen nach wie vor im Vordergrund, der Betrachter soll eintauchen und seine Empfindungen genießen.

Die Phase des Experimentierens mit unterschiedlichen Materialien hat Doris Guth-Klein letztendlich im vergangenen Jahr beendet und erkannt, daß Acryl „ihre" Farbe beziehungsweise „ihr" Material ist. Ihre spontanen Empfindungen – Freude, Traurigkeit, Wut – kann sie so ebenso spontan auf Leinwand bannen.

Mit dem Fortschreiten des künstlerischen Wirkens wuchs bei Frau Guth-Klein auch der Wunsch nach erweiterten Ausdrucksformen, nach einer Professionalisierung des eigenen künstlerischen Vermögens. Und so entschloß sie sich zur Teilnahme an verschiedenen Fortbildungen, unter anderem bei den Künstlerinnen Lucia Andres und Karin Effertz. Die dort erworbenen Fähigkeiten im künstlerischen Ausdruck, speziell das Wissen um die Möglichkeiten, die die Farbkomposition bietet, aber auch das erworbene handwerkliche Rüstzeug, verwendet Doris Guth-Klein, um ihre Empfindungen in harmonische Bilder umzusetzen. Darüber hinaus hat Frau Guth-Klein ihre Fertigkeiten in jüngster Zeit durch Kurse bei der Mannheimer Künstlerin Frau Korbin sowie bei der in der Region bekannten Kunstlehrerin Else Martin weiter verfeinert.

Und so kommt es, daß in Doris Guth-Kleins Bildern eine interessante Vielschichtigkeit gegenwärtig ist, daß verschiedene Ausgangsformen – wagemutig im Vorgehen - zu einem Ganzen vereinigt werden. Ihre Bilder sind keine Anlehnung an bekannte Vorlagen – und eben damit hebt sie sich weit von einem Hobbykünstler-Dasein ab.

Sie begibt sie sich auf einen unsicheren Weg, wo alles offen ist zwischen Gelingen und Nichtgelingen. Manche Künstler probieren ein wenig herum, finden heraus, welche Farbenkombinationen und -systeme gut funktionieren und weichen dann von dieser zuverlässigen Vorgehensweise nicht mehr ab. Doris Guth-Klein hingegen versucht sich in immer neuen Bildfindungen, Techniken und Kombinationen. Sie scheut sich nicht, etwas als Mißlungen zu bezeichnen, um es dann zu vernichten.

Die vielen Ebenen beziehungsweise Schichten in ihren Bildern verlangen beim Malen viel Konzentration und eine klare Vorstellung vom Bild. Graphische, geometrische Elemente, Figuren, perspekttivische und verlaufende Linien, weiche und harte Konturen, verschieden Strukturen und Oberflächen, all das bereichert sich gegenseitig und macht die Bilder wirklich spannend.

Solche Kompositionen verlangen der Künstlerin ein hohes Maß an Form- und

Farbbewusstsein und einen ausgeprägten Blick für das Ganze ab – Doris Guth-Klein hat diesen Blick. Und der Prozess des Malens bedarf anhaltender Konzentration und Umsicht, denn auch der Punkt der Vollendung des Werkes muss erkannt, darf nicht überschritten werden – auch darin übt sich die Künstlerin. Die Ausstellung in diesen Räumen und die hoffentlich durchweg positive Resonanz darauf sollen das Vertrauen von Doris Guth-Klein in ihre Begabung stärken.

Die Kunst, die sie hier sehen, ist keinen erzählenden Motiven verpflichtet, sondern konfrontiert den Betrachter mit abstrakten Formen. Und auch im Jahre 2000, beinahe hundert Jahre nach den ersten abstrakten Kunstwerken des 20. Jahrhunderts, stellt ein entgegenständlichtes Bild eine Herausforderung an uns dar. Es gibt keine Antworten, erzählt keine Geschichten. Aber es stellt Fragen, ruft Gefühle hervor: Ablehnung etwa, Ärger, Irritieren, Sympathie, oder Begeisterung. Denn es ist niemandem und nichts verpflichtet, außer sich selbst -und vielleicht- seinem Gegenüber. Jedem Einzelnen können sich Ideen und Gedanken offenbaren, die, neuen Wegen und Räumen gleich, möglicherweise dazu veranlassen, altes aus einem neuen Blickwinkel heraus betrachten und beurteilen zu können.

Denn, wie der Publizist und Schriftsteller Karl Kraus so treffend formuliert, „Kunst ist das, was Welt wird, nicht das was Welt ist."

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen beim Betrachten der Bilder viel Freude.

 

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